Seit dem Jahr 2000 tanzen Heide Glaser und Michael Feld zusammen die Standards. In der Senioren-II-Klasse sind sie national und international er­folg­reich und haben drei Welt­rang­listen­turniere gewonnen. Weitere Titel sollen folgen.

Sie hat ihn von vorneherein gewarnt. „Pass auf! Das ist wie eine Sucht, damit hört man nicht mehr so schnell auf“, waren die Worte von Heide Glaser, als sie 1990 im Luxemburger Hof Anfängerkurse für das Standard-Tanzen angeboten hat. Einer ihrer Schüler: Michael Feld. „Für mich war das ein normaler Kurs, ohne Ambitionen“, erinnert sich Michael Feld, der nachher dieser Tanz-Sucht verfallen ist, „1991 habe ich mit meiner damaligen Partnerin noch ein bis zwei Fortgeschrittenenkurse gemacht. Dann haben sich drei oder vier Paare aus diesem Kurs dazu entschlossen, Turniersport auszuprobieren. Ich war am längsten skeptisch, weil ich noch Tischtennis gespielt habe, habe es aber einfach mal probiert“. Aus den anderen Tanzpaaren wurde nicht viel, „die haben dann gemerkt, dass Tanzen als Turniersport doch anstrengend ist“, sagt die tanzerfahrene Heide Glaser und lacht. Aus Michael Feld und Heide Glaser wurde jedoch mehr: Glaser, die bereits seit 29 Jahren tanzt, fing nach fünf Jahren Pause 1996 wieder mit dem Turniersport an. Zunächst mit Mario Zeiter, denn „dass Michael und ich nicht zusammen tanzen können, war erstmal klar. Ich war damals schon seit Jahren dabei, er war noch Anfänger“, erklärt Glaser.

Aus den anderen Paaren wurde nichts

2000 hat sich das dann geändert, als Glaser – im Gegensatz zu ihrem Tanzpartner Zeiter – wieder mehr trainieren wollte. Ihr ehemaliger Schüler wurde zu ihrem Tanzpartner. Das Erfolgspaar vom Dancepoint Neunkirchen, das mittlerweile zu den besten Deutschlands gehört, verbindet heute sogar noch mehr, als die fesselnde Tanzsucht. „Wir haben uns während der Kurs-Zeit verliebt und 1993 geheiratet“, erzählt die 46-jährige Heide Glaser.

Ein Jahr nach ihrer Hochzeit zog sie von Neustadt nach Schwalbach zu ihrem Mann Michael Feld. Von da an füllte der Tanzsport das Leben der Reiseverkehrsfrau, Tanzsportlehrerin und –trainerin und des 51-jährigen freiberuflichen Sicherheitsingenieurs aus. „Der schlechtere Part gibt ja immer die Leistung vor“, weiß Michael Feld, der sich anfangs mehr als anstrengen musste, um an die Darbietungen seiner Frau anknüpfen zu können. Denn da Heide Glaser in ihrer Leistungsklasse nicht heruntergestuft wurde, musste Michael Feld aus der A-Klasse in die S-Klasse der Senioren aufsteigen. „Aber ich habe mich dann peu à peu gesteigert und jetzt mehr oder minder ein ähnliches Niveau erreicht“, grinst der Schwalbacher, „mittlerweile arbeiten die Trainer auch mal mit Heide, nicht immer nur mit mir“.

Die beiden trainieren bei Michael und Petr Srutek. „Die beiden ergänzen sich sehr gut“, findet Michael Feld, „Michael ist beim Tanzen mehr der Gefühlsmensch, der hat keine Lust, immer nur Technik zu erklären. Er arbeitet mehr mit Ideen und Gefühlen. Ich bin auch sehr gefühlsbetont, daher passt das. Aber ab und zu brauche ich auch mal ein Kochrezept, und dafür ist dann Petr der Richtige“. Abwechselnd nehmen Glaser und Feld Privatstunden bei den Tschechen in Zweibrücken, Rüsselsheim oder Aschaffenburg. „Das ist schon immer ein bisschen Fahrerei“, stöhnt Heide. In Schwalbach-Hülzweiler trainieren sie unter der Woche dann mindestens dreimal allein, um deren Vorgaben umzusetzen. Das Training findet dann im Fitnessclub Wellvita statt: „Vom Verein kriegen wir allein keinen Saal und Neunkirchen ist auch ziemlich weit“, erklärt Michael Feld, „der Besitzer vom Fitnessclub hat uns dann erlaubt, hier zu trainieren, wenn kein anderer Kurs angeboten wird“. Mit steigendem Training kam dann auch der Erfolg. In ihrer gemeinsamen Anfangszeit bei den Senioren I hatte es das Paar noch sehr schwer. „Wir waren schon nicht schlecht, wir wurden auf Anhieb 19. auf den deutschen Meisterschaften“, erinnert sich die Tänzerin, „aber nachher wurde das schwieriger. Bis 2005 tanzten wirklich nur Senioren in der Senioren-Klasse, aber nachher sind da immer mehr Hauptgruppen-Paare hingewechselt, als sie gesehen haben, dass sie hier richtige Erfolge feiern können“. Gerade für den weniger erfahrenen Michael Feld eine große Herausforderung. „Wir mussten immer 30 bis 40 Prozent besser sein, um überhaupt gleich bewertet zu werden“, erzählt er. 2009 änderte sich das dann schlagartig: Das Neunkircher Tanzpaar durfte zu den Senioren II S Standard wechseln und gehörte in dieser Klasse zu den Jüngeren. „Da lief es dann von Anfang an super“, sagt Feld, „wir wurden auf Anhieb Landesmeister“. Auch international tauchten die beiden immer wieder in den Endrunden auf, sammelten fleißig Weltranglistenpunkte und Titel. Aktuell sind Glaser und Feld Vierter von 165 Paaren der deutschen Rangliste und 21. der Weltrangliste (etwa 760 Paare). Ihr bisher größtes Highlight: Das Aprilwochenende 2009 im spanischen Playa de Aro. „Samstags fanden die Weltmeisterschaften statt. Da waren 250 Paare da, keines war gesetzt. Also musste jeder jede Runde tanzen“. Das Abenteuer fing schon früh am Morgen an – da der Wettkampfort eine Dreiviertelstunde vom Campingplatz entfernt war, „musste ich schon um vier Uhr aufstehen“, kann Heide Glaser heute lachen. Wimpern aufkleben, schminken, umziehen. Nach einer langen Vorbereitung ging es um neun Uhr mit der Vorrunde los. „Die hat allein viereinhalb Stunden gedauert“, beschreibt Feld. Für das Paar war dann in der 48er-Runde Schluss, es wurde später 38. „Ein bisschen enttäuscht waren wir schon, wir waren in den Turnieren davor immer sehr gut. Aber wir waren noch das fünftbeste deutsche Paar, es war also okay“, findet Heide Glaser.

Doch die eigentliche Geschichte, das eigentliche Highlight, setzte erst nach der WM ein: „Als wir ausgeschieden waren, war es schon halb sechs“, berichtet Michael Feld weiter, „und Heide wollte unbedingt noch bleiben und gucken, wer Weltmeister wird. Aber sonntags fand noch ein Weltranglistenturnier statt. Wir haben uns gedacht, wenn wir schon mal in Playa de Aro sind, können wir uns dafür auch noch eintragen. Also hatten wir zwei Möglichkeiten: Entweder, wir hätten das Weltranglistenturnier abgesagt und hätten die WM zu Ende geschaut, oder wir wären heimgegangen, hätten uns ausgeruht und wären am nächsten Tag noch mal angetreten“. Das Ehepaar entschied sich für die zweite Variante, verzichtete auf die WM-Endrunde und trat am nächsten Tag beim Weltranglistenturnier an. Bei 136 Paaren haben sich Glaser und Feld Runde für Runde durchgetanzt, waren als einziges deutsches Paar schließlich in der Endrunde. „Das war an diesem Wochenende schon unsere zehnte Runde“, erzählt Glaser. Und dann das Missgeschick: „Beim Slow Foxtrott ist Heide in ihr Kleid getreten, das war ein riesiger Riss“, lacht ihr Mann.

Auch Pannen gehören dazu: Mitten im Tanz riss das Kleid

Doch die beiden haben, so professionell sie nun mal sind, das kaputte Kleid über die Hand gelegt und weitergetanzt. Bei der Siegerehrung der ersten Sechs stieg dann die Spannung, immer wieder rechneten Heide und Michael damit, dass sie aufgerufen werden. Doch das dauerte. „Als dann der zweite Platz an japanische Namen ging, hat man so langsam wahrgenommen, dass man das Turnier gewonnen hat“, erinnert sich Michael Feld. Die deutsche Fahne, die Nationalhymne: „Das gibt es normal nur bei der WM. Aber da die einen Tag vorher stattgefunden hat, haben die bei uns auch die Hymne gespielt“, erklärt Heide Glaser.

Dieses Wochenende in Playa de Aro bleibt für das Tanz- und Ehepaar unvergesslich. Im Mai 2010 folgte der nächste Weltranglistenturniersieg in Zevenberg (Holland), im April 2011 wiederholten sie diesen Erfolg erneut an gleicher Stelle. Doch auch, wenn es mal nicht so gut für die beiden läuft, wenn ein Turnier mal danebengeht, dann merkt man ihnen ihre Erfahrung an: „Wenn jemand an uns vorbeikommt, der gut ist, dann applaudieren wir auch“, sagt die 46-jährige Heide, „genauso gibt es beim Tanzen auch keinen glatten oder stumpfen Boden als Ausrede, wenn etwas mal nicht klappt. Für alle anderen Paare ist der Boden nicht anders. Also hängt die Leistung nicht am Boden, sondern an mir“. Mit dieser Einstellung tanzt es sich noch ein Stück befreiter. Wie lange noch? „Solange die Knochen halten“, lacht Heide Glaser, die wie Michael Feld der Tanz-Sucht verfallen ist.

Christina John